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Machtübernahme oder: Was von unserer Selbstbestimmung übrig bleibt

© iStock: Mixmike

 

Wir sind frei. Wir sind unabhängig. Und wir sind vor allem selbstbestimmt. Zumindest mehr oder weniger. Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon einmal aufgefallen ist. Aber wir bekommen täglich hunderte von Befehlen zu hören – und das nicht einmal von Menschen. Vielmehr meine ich die Anweisungen von anderen, unauffälligen Wegbegleitern. Einen Tag lang, habe ich auf alle diese Befehle geachtet. Das Ergebnis: Es waren unheimlich viele. Mindestens der Hälfte von ihnen bin ich gefolgt. Geht auch nicht anders. Würden Sie auch nicht anders machen. Das kann ich Ihnen an ein paar ganz einfachen Beispielen meines befehlerischen Alltags zeigen:

Morgens, der Handywecker klingelt. Der mehr oder weniger freundliche Bildschirm befiehlt mir: „Entsperren“, sofern er aufhören soll, den Weck-Ton zu spielen. Befehl Nummer eins. Nein, vielmehr Erpressung Nummer eins. Dennoch mache ich, was der kleine Tyrann sagt. Der nächste Befehl folgt keine zehn Minuten später. Die Zahncreme-Verpackung brüllt mich in meinem Halbschlaf gerade zu an: „Jetzt testen, weitersagen und gewinnen!“. Das mache ich aus reinem Protest nicht. Ganz einfach. Ich finde es unverschämt, morgens mit einer blitzenden Glitzerschrift Befehle an noch nicht zurechnungsfähige Menschen auszuteilen. Ich bestimme selbst, was ich mache!

Oder auch nicht. Auf meinem Weg vom Bett über das Bad bis in die Küche verfolgen mich zahlreiche weitere Anweisungen. Ein ganz besonderer Kommandant erwartet mich hier: Die Kaffeemaschine. Kein „Guten Morgen“, sondern eine ganze Welle an rot leuchtenden Aufforderungen rollt auf mich zu. Erst „Filter leeren“, dann „Maschine spülen“, „Wasser auffüllen“, „Warten. Warten. Warten.“  und endlich der Befehl „Entnehmen“. „Jaja…“, denke ich mir und verdrehe die Augen. Doch das Druckmittel der Kaffeemaschine ist stärker. Was bleibt mir anderes übrig? Ich folge den Befehlen des kleinen, dampfenden Herrschers – wenn auch mit Motzen und Widerwillen.

Mit dem Bus geht es weiter. „Endstation. Alle Fahrgäste aussteigen!“, dröhnt die roboterartige, bestimmende Frauenstimme aus den Lautsprechern. Geht auch freundlicher. Und trotzdem folge ich brav den Anweisungen. Mein Computer ist übrigens ganz ähnlich gespannt: „Warten auf Benutzereinstellungen“, ist das erste, was er mir entgegenbringt. Immerhin bekommt er aber noch ein nettes „Willkommen“ mit wohlwollendem Soundeffekt zustande. Wie eine Entschuldigung wirkt es auf sein zuvor forsches Gehabe. Die macht er kurz darauf aber mit seinem beherrschenden Verhalten wieder zunichte. „Update installieren“ und „Passwort aktualisieren“ sind nur einige Anweisungen, die mir mein elektronischer Befehlshaber durch die Arbeitszeit hinweg gibt. Vom Stoppschild, bis hin zur Nudelverpackung, die mir vorschreibt, wie ich zu kochen habe und den unzähligen Werbespots, verfolgen mich zahlreiche weitere Befehle über den Tag. Am Abend meldet sich auch mein Handy wieder zu Wort: „Ladekabel anschließen“ meckert es mich an. Ich folge.

Die Liste lässt sich unendlich erweitern. Achten Sie doch einfach mal selbst darauf. Das soll aber kein Befehl sein. Wir sind ja schließlich völlig selbstbestimmte Menschen.

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