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Duell am laufenden Band

Duell am laufenden BandDer Puls steigt, unzählige Augen starren, Schnelligkeit zählt. Gegenüber sitzt der Gegner. Bei der beschriebenen Szene handelt es sich nicht um ein Duell vor einem Saloon. Wir befinden uns nicht im Boxring. Niemand kommt zu Schaden – außer vielleicht ein paar Bananen oder Joghurtbecher, die mit voller Wucht in den Einkaufswagen geschleudert werden. Denn es handelt sich um das Duell gegen die schnellen Kassiererinnen und Kassierer, die uns im Supermarkt immer häufiger herausfordern.

Ich stehe in der Warteschlange. Von meinem Platz aus kann ich das erste Opfer gut beobachten. Mit Schweißperlen auf der Stirn, steht ein junger Mann an der Kasse. Oder: Eigentlich steht er da gar nicht. Es sieht vielmehr nach Akrobatik aus. Er sucht sein Portemonnaie, parkt seinen Einkaufswagen vor der Kasse und versucht gleichzeitig seine Einkäufe in den Wagen zu schaufeln. Doch trotz Multi-Tasking hat er keine Chance: Seine Einkäufe stapeln sich in Rekordzeit vor der Kassiererin zu einem wankenden Turm (die Ablage für die kassierten Produkte scheint schon wieder geschrumpft zu sein). „Das macht 49,75 Euro“, sagt die Kassiererin, zückt bereits das passende Wechselgeld und schiebt mit einem ordentlichen Rums alle Produkte in den Wagen des Mannes – ohne Rücksicht auf Verluste. Nächster, bitte!

Sammeln Sie Treuepunkte?

Noch amüsiere ich mich köstlich über meine Mitstreiter, die vor den Kassiererinnen und Kassierern wie gelähmt aussehen. Die Warteschlange (inklusive mir) ist währenddessen hoch konzentriert. Wir befinden uns schließlich in der Aufwärmphase. „Was macht der da vorne falsch?“ Wie kann ich das besser machen? Also den Fehler werde ich nicht wiederholen!“, kann ich die Gedanken in der Schlange hören. Ein Mann hinter mir dehnt seine Arme. Ein anderer versucht seine Einkäufe strategisch auf dem Fließband anzuordnen.

In der Zwischenzeit ist eine etwa 40-jährige Frau an der Reihe. Mit einer Hand zupft sie hektisch ihren Geldbeutel aus der Handtasche. Mit der anderen Hand fegt sie die entgegenschießenden Joghurtbecher, Bananen und Duschgels in ihren Wagen. Siegessicher blickt sie in Richtung der Kassiererin – ein bisschen zu früh. Einer ihrer Joghurtbecher verfehlt den Wagen und schlägt mit voller Wucht auf dem Boden auf. Dem Dilemma schenkt die Kassiererin keine Aufmerksamkeit. Stattdessen ertönt ihr Siegesruf: „38,96 Euro! Sammeln Sie Treuepunkte? Putzeimer an Kasse drei!“. Ich bin an der Reihe.

Fertig, los!

So schnell es geht parke ich meinen Einkaufwagen vor der Kasse. Meine Waren fliegen in Windeseile über den Scanner – Piep. Acht Augen schauen mir über die Schulter – Piep. Der Druck steigt – Piep. Ich bin hochkonzentriert. „Nur keinen Fehler machen“, motiviere ich mich selbst zu sportlichen Höchstleistungen. Im Akkord wische ich meine Einkäufe vom Band. Während ich noch die letzte Packung Nudeln in den Einkaufswagen schleudere, ziehe ich den erstbesten Geldschein aus meiner Tasche. Gerade noch rechtzeitig. Zurück bekomme ich einen Berg Kleingeld und den Wink endlich Platz für den Herrn mit dem Putzeimer zu machen: „Der Boden macht sich ja nicht von alleine sauber“. Ich renne aus dem Geschäft – geschafft!

Auf dem Parkplatz kreisen meine Gedanken um das Duell.  Sind die Kassiererinnen und Kassierer in diesem Lande einfach unheimlich sportlich? Haben die Spaß am Wettbewerb mit ihren Kunden? Oder werden sie womöglich nach „gescannten Produkten pro Minute“ bezahlt?  Ich habe keine Antworten darauf. Dafür springt mir der Banner des Supermarktes  ins Auge: „Mehr Service für unsere Kunden“, steht in dicken, blauen Buchstaben darauf.

2 Antworten zu “Duell am laufenden Band”

  1. Ihr Artikel trifft absolut ins Schwarze. Ich habe auch das Gefühl, es wird ein Wettbewerb zwischen den Kassierern organisiert. Das Einkaufen im Supermarkt ist für mich schon auch längst zum Stress geworden. Und leider habe ich keine Kassierer unter meinen Bekannten. Würde Ihnen auch gerne diese Fragen stellen…

    Beste Grüße
    Elen

  2. Wunderbar! Genau so ist die Realität und diese weicht erheblich vom Marketingversprechen der Unternehmen ab. Ich bremse die Kassiererin gern ein indem ich Sie bitte etwas langsamer zu scannen und mir eine sportliche Chance zu geben. Meistens verliere ich dennoch den Wettstreit.

    Da hilft nur eines, raus aus dem Supermarkt und zum Marktplatz, Einzelhändler oder Hofladen, da ist die Welt noch in Ordnung, manchmal.

    Bis gleich, im Supermarkt an der Kasse.

    Marco

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