Organisationen durch
Menschen entwickeln!

Zum Online-Shop

Oh Du fröhliche Bahnfahrt!

Oh Du fröhliche Bahnfahrt!

Viele von uns fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Das schont Umwelt und Geldbeutel – aber leider selten die Nerven. Ob Niesattacken vom Gegenübersitzenden, Streckenvollsperrungen oder einfach zu nasse, zu kalte, zu warme oder zu volle Bahnen und Busse – all das erheitert uns fast jeden Tag.
Und im Winter ganz besonders.

Das Szenario: Ein dunkler Dezembermorgen

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Ich stehe dick eingepackt inmitten von ca. 40 Schulkindern, die schon erstaunlich wach sind, an der Haltestelle. Die Bahn fährt heute nur erfreuliche 15 Minuten verspätet ein. Endlich haben sich alle in die Bahn gedrängt. Im überhitzten Waggon läuft das Kondenswasser die Scheiben hinunter. Am liebsten möchte ich mich gleich meiner Jacke, diversen Strick-Schals, Handschuhen und Mützen entledigen. Dafür ist leider kein Platz. Auf meinen Schoß passt neben einer überdimensionierten Handtasche eben auch nicht mehr wirklich viel. Um nicht einen grausamen Erstickungstod zu erleiden, staple ich wenigstens meine sogenannten „Winter-Accessoires“ auf meinem Schoß. Gerne würde ich jetzt mein Buch auspacken, immerhin habe ich einen Weg von 45 Minuten vor mir. Leider muss ich meinen Klamotten-Stapel nebst Tasche vor vorbeidrängenden Aus- und Einsteigenden sichern und finde unter dem ganzen Kram ohnehin nichts mehr in meiner Tasche. Das ist insoweit zu bedauern, als dass ich meine Ohren gerne vor „Mei Mann hadde letztes Jahr ja auch diese Prostata-Beschwerden“-Gesprächen und grölenden Schulkindern mittels meines MP3-Players schützen würde. Dafür spüre ich an der nassen Kälte auf meinem Schoß, dass mein Mittagessen langsam auftaut.
Ich probiere mich an einer Gedanken-Reise und bin gerade halbwegs entspannt – sprich am Wegdösen – als mich eine schnarrende Durchsage aus meinen Träumen reißt: „Hier spricht die Verkehrsleitstelle der Verkehrsbetriebe. Die Strecke zwischen Karlsruhe und Pforzheim ist derzeit voll gesperrt.“

Gestrandet

Gezwungenermaßen steige ich an der nächsten Haltestelle zusammen mit den anderen Fahrgästen aus. Meinen Klamottenberg habe ich schnell in meine Tasche gestopft. Der Dezembermorgen ist leider immer noch genauso kalt wie vor 20 Minuten. Nur ein überraschend frischer Wind ist noch dazu gekommen. Irgendwo hinter den grauen Wolkenbergen geht wohl gerade die Sonne auf. An der Haltestelle wird der Fahrer mit Fragen bestürmt. Der ist leider genauso ratlos wie wir alle und nach der fünften gleichen Frage auch langsam entnervt. Irgendwie tut er mir leid. Ich ziehe mir Schals, Handschuhe und Mütze wieder an. Gerade habe ich mich wieder eingemummelt, als die nächste Bahn einfährt. Diese würde mich meinem Ziel immerhin um einige Haltestellen näher bringen. Also steige ich ein, das ganze Spiel beginnt von vorne: Platz ergattern, Schals, Handschuhe und Mütze wieder ausziehen. Nach einigen Haltestellen muss ich wieder raus: Schals, Handschuhe, Mütze wieder an. Irgendwo auf dem platten Land stehe ich nun mit vielen anderen an einer einsam gelegenen Haltestelle. Eine Anzeigetafel gibt es hier nicht. Dem Fahrplan entnehme ich die Hotline-Nummer der Verkehrsbetriebe und wähle: „Dieser Teilnehmer ist im Moment leider nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.“ Aha. Die wollen nicht mit mir reden. Kann ich verstehen. Ich würde ihnen auch nichts Nettes erzählen. Dafür reden die Hausfrauen und Rentner an der windigen Haltestellte umso lieber mit mir und erzählen mir alles über die wichtigen Termine, die sie nun verpassen und dass die Bahn 1978 auch schon Verspätung hatte. Immerhin gewinne ich an diesem Morgen die Erkenntnis, dass meine Schuhe augenscheinlich nicht dafür gemacht wurden, morgens bei 1° Celsius 25 Minuten lang an einer ungeschützten Haltestelle im Wind zu stehen. Meine Füße werden zu Eisklumpen.

Eisig ist auch meine Laune, als ich eine ganze Stunde später als gedacht im Büro ankomme. Meine Kollegen kennen die Litanei schon, deswegen verkneife ich mir Schimpf-Tiraden. Mein erster Akt an diesem nicht mehr ganz so frühen Morgen ist dann das Kochen einer heißen Zitrone. Der zweite das Verfassen einer gepfefferten Beschwerdemail. Der dritte führt mich aufs Autokaufportal – vielleicht ein Weihnachtswunsch?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyright © 2020 persolog