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Sommermärchen, ick hör Dir trapsen

Diesen Sommer wieder ein Sommermärchen gefällig? Die Fußball-Europameisterschaft startet diese Woche und wie immer wird sie von Medien, Sponsoren und Funktionären als DIE alltagsbestimmende, grenzüberschreitende, allumfassende Sensation für die nächsten vier Wochen angekündigt. Ob es allerdings wirklich ein Sommermärchen wird, hängt nicht nur von der sportlichen Leistung unserer Mannschaft ab. Jeder begegnet dem Phänomen Europameisterschaft schließlich auf seine Weise.

Wir haben für Sie eine kleine Übersicht zusammengestellt, wie verschieden Menschen mit den vier Wochen Ausnahmezustand umgehen:

Der Hardcore-Fan: Zwischen dem Ende des Champions-League-Finales und dem Anstoß zur Fußball-Europameisterschaft liegen für den Hardcore-Fan 476 trostlose Stunden ohne Fußball. Die Bundesligasaison ist schon lange vorbei und Trikot, Tröten und Trommeln liegen traurig und einsam im Schrank. Doch endlich geht es los! 14 Tage vorher wird der schwarz-rot-goldene Fuchsschwanz an die Autoantenne geschraubt, die schwarz-rot-goldene Fahne gewaschen und vorsichtig gebügelt und das klassische WM-Trikot von 1990 anprobiert (sitzt ein wenig eng um die Hüfte…). Der Hardcore-Fan kontrolliert sein Stammlokal akribisch auf Fernsehtauglichkeit und prüft Reife, Konstistenz und Geschmack des gelagerten Bieres auf das Genaueste. Natürlich schaut der Hardcore-Fan alle Spiele, selbst wenn er dafür Urlaub nehmen muss. Und natürlich sucht er mit allen und jedem das Gespräch über den geliebten Fußball, egal, ob dieser seine Passion teilt oder nicht. So genießt er sein Sommermärchen in vollen Zügen. Ganz hart ist es für diesen Fan, wenn die EM erst mal rum ist und es noch geschlagene 53 Tage dauert, bis die 1. Bundesliga wieder startet.

Der Gediegene: Der gediegene Fußballfan kennt sich aus. Er weiß, wer spielt, kann distinguiert seine Meinung zur politischen Lage in der Ukraine darlegen, nervt aber nicht mit übertriebener Euphorie oder gar aufdringlichem Getröte. Er genießt sein Sommermärchen eben: gediegen. Er kennt auch außerhalb der Fußball-EM die deutschen Fußballspieler mit Namen und Verein und analysiert gerne im Bekanntenkreis, warum der französische Fußball am Boden liegt und der Trainerwechsel in England höchste Zeit war. Fällt ein Tor, reißt er nicht die Hände in die Luft oder sich gar das Hemd vom Leib. Er lächelt höchstens milde und sagt: „Da war die Viererkette wohl doch die richtige Wahl, die hätte er schon im Portugal-Spiel bringen sollen.“ Im Grunde ein angenehmer Zeitgenosse. Sollten Sie jedoch kein KICKER-Abonnent sein und nicht über Catenaccio, Schlenzer, Schwalben und Fritz Walter diskutieren wollen, sollten Sie versuchen, Gesprächen über Fußball mit diesem Fan aus dem Weg zu gehen.

Der Mitläufer: „Nee, Fußball interessiert mich eigentlich nicht. Aber EM schau ich schon,“ sagt der Mitläufer. Damit gehört er wohl der großen Masse an, die sich während der EM beim „Massengassengucken“ drängt und 1-Euro-Deutschland-Fähnchen kauft. Er kennt die Namen der Nationalspieler hauptsächlich von den Hanuta-Abziehbildchen und kann auch das passive Abseits nicht erklären, aber beim kollektiven Schreien und Jubeln läuft er zu Höchstform auf. Er genießt das Zusammengehörigkeitsgefühl im Biergarten, wenn alle gemeinsam auf eine schlecht belichtete Leinwand starren. Selbstverständlich nur, wenn das Wetter passt. Sonst geht er auch während eines Spiels gerne mal in die Bücherei oder seine Großmutter besuchen. Fußball ist ihm nicht wirklich wichtig. Aber letztendlich würde es viel Mühe kosten, sich der allgemeinen Euphorie zu entziehen. So genießt er sein Sommermärchen eben, weil er gerne dabei ist und mitreden möchte. Und das Gute daran: Mit dem Mitläufer kann man sich auch während der EM mal über ein Buch oder den neusten Kinofilm unterhalten.

Der Muffel: Der Fußball-Muffel ist der einzig Aufrechte. Er, der Fußball und Patriotismus schon immer überflüssig fand, steht auch während des kollektiven Wahnsinns tapfer zu seiner Meinung. Anfang Juni meldet er sich demonstrativ für den 6-wöchigen Volkshochschul-Kurs „Tai-Bo für Anfänger“ an – schließlich hilft diese Sportart dabei, die innere Mitte zu finden. Und die braucht er auch, wenn er abends im Bett versucht die Auto-Corsos zu überhören oder die grölenden Nachbarn. Und wenn er am nächsten Tag auf der Arbeit der Einzige ist, der das Spiel nicht gesehen hat und sogar sein Chef im Deutschland-Trikot ins Büro kommt, muss er schon schlucken. Er kann auf Sommermärchen also gut und gerne verzichten. Der Fußball-Muffel wird erleichtert aufatmen, wenn endlich das Endspiel abgepfiffen wurde und am nächsten Tag alle leeren Bierflaschen und schwarz-rot-goldenen Fähnchen dem Straßenkehrer anheimgefallen sind. Dann werden alle wieder normal und er gehört endlich, endlich wieder dazu.

Ganz egal, welcher Typ Sie sind und wie Sie Ihr Sommermärchen am Besten genießen können: stehen Sie zu Ihrer Passion, egal, was die anderen dazu sagen. Denn auch während der EM sind wir nicht alle gleich – zum Glück!

4 Antworten zu “Sommermärchen, ick hör Dir trapsen”

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