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Last but not least: Abwracken, was das Zeug hält

Dass die umweltschonende Abwrackprämie ein so durchschlagender Erfolg sein und so weite Kreise ziehen würde, konnten nicht einmal die kühnsten Polit-Optimisten vorhersagen. Gerade mal ein gutes Vierteljahr vergangen und das staatliche Füllhorn, von dem keiner so recht weiß, wer es womit gefüllt hat, ist schon wieder leer. Macht nichts, es wird kräftig weiter ausgeschüttet. Unsere Politiker haben den Dreh jetzt raus, wie man großzügig geben kann, ohne etwas zu haben. Schließlich ist Wahljahr, da darf man dem Wahlvolk mit allem kommen, nur nicht mit leeren Händen.

Die ganze Nation ist nun vom Abwrack-Virus befallen und fährt alles auf den Hof der Autohändler, was vier Räder hat. Auch Kinderwagen, Bollerwagen und Skateboards. Beim Sperrmüll und auf Flohmärkten finden Sie jetzt nichts mehr, was rollt. Die wahren Wohltäter unter uns Abwrackwilligen bringen eifrig Autos zur Schrottpresse, die durchaus noch 5.000 € wert sind. Was tut man nicht alles und gerne, wenn Vater Staat händeringend nach Abnehmern für seine „Kauf schon!“-Prämie sucht! Auch wenn’s ein bisschen wehtut: Die Aussicht auf den Schnäppchen-Neuwagen tröstet über den Verlust hinweg … So fördert die Abwrackprämie nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Gute im Menschen: Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, Freude an den Gütern und Gaben, Liebe zum Staat.

Das Erfolgskonzept „Abwrackprämie“ haben mittlerweile auch andere Branchen geistesgegenwärtig aufgegriffen und weiterentwickelt: Ein Möbelhaus gewährt Ihnen einen großzügigen Rabatt auf die neue Polstergarnitur, wenn Sie ein Foto Ihres durchgesessenen Sofas vorzeigen können. Sie müssen das Möbelstück nicht mal zur Entsorgung dorthin transportieren. Sie stellen es einfach wie gewohnt zum Sperrmüll. Und wenn Sie kein altes Sofa haben? Ich bitte Sie, irgendein Objekt werden Sie doch in Ihrem Bekanntenkreis ausfindig machen und ablichten können! Von Vorteil wäre es, wenn nicht alle Ihre Freunde und Nachbarn mit demselben Foto in das besagte Möbelhaus gehen. Kleiner Tipp: Mit einem einfachen Bildbearbeitungsprogramm lässt sich diese Peinlichkeit gut retuschieren.

Denkbar wären auch Abwrackprämien für Waschmaschinen, für PCs, Rasenmäher, Fernseher, Handmixer und und und … Am Ende sind unsere Haushalte komplett saniert. Bleibt nur noch der Schuldenberg in Berlin. Mit ein bisschen kreativer Energie lässt sich auch dieses Problem lösen: Wir schieben das komplette Staatsdefizit in eine eigens gegründete „Bad StaatsBank“, verlegen den Sitz derselben auf Cayman Islands und werfen den Tresorschlüssel hinter Helgoland in die Nordsee. So einfach ist das!

3 Antworten zu “Last but not least: Abwracken, was das Zeug hält”

  1. Ein netter Beitrag. Lustig zu lesen und doch mit Tiefsinn.
    Wir werden schon alles sehen, was wir davon haben. Just ruft mich meine Frau an uns sagt mir, dass wir 300 Euro erhalten haben, weil wir Kinder haben. Alte Autos habe ich leider nicht, also auch keine Abwrackprämie.

    Es bleibt das dumpfe Gefühl, dass hier ganz gewaltig was schieft läuft. Ganz davon abgesehen, dass wir echte Konzepte, Korrektur und Anpassungsfähigkeit brauchen, die uns kein noch so weiches Subventionskissen bringt.

    Jeder, der jetzt die Gelegenheit zur Korrektur und Anpassung nutzt, wird gestärkt weiter gehen können, auch dann, wenn es extrem schwer wird.

  2. Hallo Herr Wessling,

    kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen: Da läuft etwas ganz gewaltig schief, und ich fürchte, die Rechnung werden unsere Kinder bezahlen müssen, die als „Trostpreis“ gerade 100 € bekommen haben.

    Die Chance in dieser in diesem Ausmaß nie dagewesenen Finanzkrise (die sich zur Staatskrise ausweiten kann), sehe ich wie Sie in einer grundlegenden Neuorientierung und Ausrichtung unseres gesellschaftlichen Lebens (fängt immer beim Einzelnen an) und nicht im hilflos-panischen Verteilen von „Bonbons“, die wir uns längst nicht mehr leisten können.

    Die provokante Frage, die ich mir angesichts der Krise persönlich stelle, lautet: Kann weniger nicht auch mehr sein?

  3. @Arno Seitz „Kann weniger nicht auch mehr sein?“
    Ich denke, weniger kann viel mehr sein, wenn wir es mehr genießen und weniger undankbar sind. Möglichkeiten zum Genießen und zum Dankbarsein gibt es täglich. Wem nichts einfällt, der sollte z.B. mal einem x-beliebigen Passanten auf der Straße eine Rose schenken. Die überraschte Dankbarkeit, die einem dabei begegnet, macht einen selbst neu dankbar darüber, dass man so leicht Wildfremden eine erinnerungswürdige Freude machen kann:-)

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