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Satire: Es lebe die Bürokratie

Fast jeder schimpft auf sie, aber ohne Bürokratie gäbe es wohl einige Millionen Arbeitslose und Hartz IV-Empfänger mehr. Zudem sorgt sie für unser aller Wohl. Jetzt rettet uns die „Aktualisierte EU-Maschinenrichtlinie“ auf Rolltreppen sogar das Leben.

Ob es einen konkreten Auslöser für die Aktualisierung gab, ist nicht bekannt. Aus Brüssel hat man verlautbaren lassen, es sei immer wieder zu schweren Unfällen auf Rolltreppen gekommen. Komisch, ist mir als Zeitungsleser nie aufgefallen. Vielleicht ist es auch der ansonsten aufmerksamen Presse nie aufgefallen und hat deshalb nie in der Zeitung gestanden. Egal. Jedenfalls muss mal was vorgefallen sein, oder einem Brüsseler Angestellten, der wochenlang auf seinem Bleistift gekaut hat, ist endlich etwas eingefallen. Es gibt wohl immer noch keine verlässliche Statistik darüber, wie viele Kinder alljährlich auf Europas Rolltreppen ums Leben kommen. Weil Ego-Eltern nur an ihren drohenden Bandscheibenvorfall denken und nicht an Kindes- und Gemeinwohl. Dabei birgt das Benutzen von Rolltreppen mit Kinderwagen tückische, weil unvorhersehbare Risiken, wie die eigens eingesetzte Arbeitsgruppe durch zahllose Gutachten hat feststellen lassen: Beim plötzlichen Stopp einer Rolltreppe, insbesondere einer abwärts führenden Hochgeschwindigkeitsrolltreppe, kann der Kinderwagen samt Mami oder Papi nach vorne katapultiert werden. Und wehe, die Kinder sind im Wagen nicht angeschnallt … Stehen noch mehr Fahrgäste auf der Treppe, kann es zum verheerenden Dominoeffekt kommen. Sagt Brüssel. Sie haben das noch nicht erlebt? Ich auch nicht.

Diesem Gefahrenpotenzial musste Einhalt geboten werden, und deshalb machte sich eine Brüsseler Arbeitsgruppe an die mühevolle Überarbeitung der Norm 115-1 innerhalb der EU-Maschinenrichtlinie. Insgesamt sieben Jahre soll es nach inoffiziellen Angaben gedauert haben, bis die aktualisierte Richtlinie zum 01.01.2010 in Kraft treten konnte: Das Mitführen von Kinderwagen auf Rolltreppen ist verboten. Punkt. Wer die Erarbeitungszeit als unverhältnismäßig empfindet, sollte bedenken, wie viele Versuchsreihen mit unterschiedlichen Kinderwagenmodellen auf unterschiedlichen Rolltreppen erforderlich sind, um einer Gefahr auf die Schliche zu kommen, die praktisch so gut wie nicht existiert, theoretisch jedoch allgegenwärtig ist. Übrigens, Richtlinie bedeutet hier: Es ist im Prinzip verboten, wird aber nicht kontrolliert und Verstöße werden nicht sanktioniert. Eines sollten Sie sich zukünftig verkneifen: Einen Rolltreppenhersteller oder -betreiber verklagen, wenn sich Ihr Kinderwagen auf der Treppe verklemmt hat. Rechnen Sie eher umgekehrt mit einer Klage.

Nur Bürokraten haben die Zeit und Muße, sich derart gründlich um Sicherheitsfragen des alltäglichen Lebens zu kümmern. Wir Normalsterblichen kommen gar nicht auf die Idee, uns mit einem solchen Gegenstand zu befassen. Dafür ist unser Horizont einfach zu eng, unser Denken allzu naiv. Wir können dankbar sein.

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