Organisationen durch
Menschen entwickeln!

Zum Online-Shop

Satire: Früher Vogel fängt den Wurm!

Früher dachte ich, die Menschheit ließe sich ganz einfach in zwei Sorten einteilen: weiblich und männlich, XX oder XY. Heute, nach jahrzehntelangen Studien – überwiegend an mir selbst – weiß ich, dass die Dinge so einfach nicht sind. Menschen schon gar nicht. Ich habe mich von der überlieferten Einteilung gelöst und bevorzuge eine andere Unterscheidung: Senkrechtstarter und Spätzünder. Mit Senkrechtstartern meine ich in diesem Zusammenhang nicht die Überflieger, die mit 16 Jahren ein 0,9er-Abi hinlegen und dann nach Harvard gehen, um mit spätestens 22 Jahren die Doktorarbeit abzuliefern.

Nein, ich meine die, die morgens mit dem ersten Weckton die Füße vors Bett stellen und beim letzten bereits eifrig Liegestützen machen. Kaffee trinken und Zähneputzen laufen parallel, und auf dem Weg zur Garage wird bereits die Mailbox gesichtet. Spätestens Punkt acht sind Menschen dieser Kategorie voller Lebenskraft und vor Tatendrang sprühend bei der Arbeit. Ich gebe zu, diese vermutlich kleinere Hälfte der Menschheit wird mir immer ein Rätsel und auch ein bisschen unheimlich bleiben. Morgenstund hat Gold im Mund!? Habe ich auch, jede Menge, allerdings nicht von der Morgenstund, sondern vom Zahnarzt. Meine Altersvorsorge gewissermaßen. Die aktuelle Entwicklung des Goldpreises bestätigt mich auf diesem Kurs.

Okay, ich will nicht ablenken, Sie haben es ohnehin längst bemerkt: Ich gehöre zu der anderen Hälfte der Menschheit, zu den Spätzündern. Der Morgen beginnt grundsätzlich zu früh, egal, wann ich aufwache. Es dauert eine Weile, bis die Augenlider meinem sanften Drängen nachgeben und sich halb öffnen. Ein irritierter Blick an die Decke: Wo bin ich? Es dämmert mir langsam, ich könnte wohl auf einem bewohnten Planeten angekommen sein. Um mich zu vergewissern, tapse ich barfuß zur Zeitungsrolle und werde durch fette Überschriften vollends in die Wirklichkeit gerissen: Ja, du bist ein Menschenkind, auf dem verrückten Planeten Erde, Teilnehmer im Projekt Deutschland. Mein Gott, Schalke hat wieder verloren. China ist Exportweltmeister. Dadurch bin ich so geschockt, dass ich mehrfach herzhaft gähnen muss und zur Kaffeemaschine schleiche. Die ersten zwei Tassen verpuffen wirkungslos, aber langsam – langsam, Freunde! – ordnen sich die Puzzleteile im Hirn, und die ganze Tragik dieses allmorgendlichen Dramas sickert ins Bewusstsein: Zu spät, zu spät! O weh, o weh, o weh! Hat nicht ein großer Geist unserer Zeit orakelt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Deshalb also … Und schon beginnt der verbissene Kampf gegen die Uhr, gegen diese beiden Zeigerchen, die mir hämisch enteilen. Ca. 11.32 h habe ich sie eingeholt. Das war anstrengend. Gut, dass es die segensreiche Einrichtung der Mittagspause gibt. Die aufkommende Müdigkeit wird in weiteren koffeinhaltigen Getränken ersäuft, und so kann der Spätzünder ab 15 h voll durchstarten. Dann ist er so energiegeladen, dass er auch den Senkrechtstarter beinahe noch eingeholt hätte, wenn nicht Verschiedenes dazwischen gekommen und der Tag so elend kurz wäre. Nachtruhe gegen 22 h ist Bürgerpflicht.

Mein Opa, ein weiser Mann, pflegte zu sagen: Morgen früh ist die Nacht rum! Ja, das ist die eine Hälfte einer komplexen Wahrheit. Ich werfe mein Pfündlein Lebenserfahrung in die Waagschale und klage: Auch morgen ist die Nacht zu früh rum! Wenn Sie Senkrechtstarter sind: Bitte üben Sie sich in Nachsicht …

© phantom-as, persolog GmbH, MMX

6 Antworten zu “Satire: Früher Vogel fängt den Wurm!”

  1. Auch meine Nacht ist grundsätzlich zu früh rum- ich bekenne mich zum Spätzündertum. Schade ist,dass wir in einer Kultur leben, in der man sich eben seine Arbeitszeit in der Regel nicht individuell einteilen kann, und in der die persönliche Leistungskurve regelmäßig mit dem Frühaufsteherideal unserer Arbeits- und LEbenswelt kollidiert. Wenn ich könnte wie ich wollte würde ich um halb neun aufstehen, den Tag langsam angehen lassen, gegen 10 Uhr vormittags durchstarten, zwischen 14 und 16 Uhr eine Pause einlegen, am späten nachmittag ein bisschen Trödelkram abarbeiten und dann gegen 21.30 noch mal so einen richtigen kreativen Block einlegen – Bettruhe dann gegen 1 Uhr morgens.
    Der kreative Spätblock klappt meistens – ich bin Pfarrerin und schreibe alle meine Predigten nachts, zumal ich da ungestört arbeiten kann. LEIDER bin ich aber nicht ganz frei in meiner Zeiteinteilung; zu den PFlichten gehört eben auch der Religionsunterricht und der beginnt unanständigerweise morgens um 8. Also bleibt nichts anderes übrig als mich da irgendwie durch zu lavieren…und die Tage in der Woche zu genießen, an denen ich nicht in die Schule muss.

  2. Uns Spätzündern zum Trost: Den späten Wurm fängt der frühe Vogel nie! So gesehen sind unsere Überlebenschancen außerordentlich gut :-))

    Liebe Grüße & immer eine gute Tasse Kaffee!

  3. Hallo liebes Persolog-Team,
    wow, ich bin ein großer Fan Eurer Rubrik „Last but not least“. Danke an die Menschen, die immer so inspieriende Dinge zusammen tragen.

  4. ich denke, dass jeder seinem biorythmus folgen sollte… einfach mehr auf die innere stimme und die innere uhr hören! problematisch wird es meist dann, wenn man wider seiner natur den organismus dazu zwingen will einen gewissen ablauf zu verfolgen… mit entsprechenden individualpsychologischen ansätzen funktioniert das meist sehr gut…
    jeder mensch ist anders und einzigartig… daher appeliere ich auch, dass menschen die patrentrezepte aus den lifestyle magazinen nur mit vorsicht beherzigen…

  5. Meine Prämisse heißt, der motivierte Vogel fängt den Wurm. Früh oder spät! Satte Vögel sind weder früh noch spät aktiv.
    Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyright © 2020 persolog